Sie kennen das bestimmt. Langweilt man sich, scheint die Zeit nicht vorbei zu gehen. Und während eines spannenden Films gehen 90 Minuten schonmal wie gefühlte 15 um. Doch warum ist das so? Ich hab schon sehr früh gelernt meine innere Uhr zu beeinflussen und so die Zeit zu meinem Nutzen zu manipulieren. Langeweile war mir immer fremd. Die Zeit verging immer so schnell wie ich es wollte.
Foto von Robbert van der Steeg
Die längsten Minuten meines Lebens
Einmal als kleiner Junge hatte mir meine Mutter versprochen in den Park zu gehn. Ich war ziemich ungeduldig und freute mich schon den ganzen Tag. Als ich meine Mutter fragte wann wir denn losgehen sagte sie, dass unser Bus in einer halben Stunde fährt. Hmm. 30 Minuten. Also setzte ich mich vor die Uhr im Wohnzimmer, starrte auf die Uhr und beobachtete die Zeit beim verstreichen.
Es waren die längsten Minuten meines Leben! Alle paar Minuten quengelte ich wann wir denn endlich losgehen und setzte mich anschliessend wieder vor die Uhr. Als meine Mutter begriff warum ich so oft quengelte erklärte sie mir:
“Mensch Jakob, wenn man auf die Uhr starrt geht die Zeit viel langsamer vorbei als wenn man sich mit etwas anderem beschäftigt. Lies doch lieber etwas. “
Gesagt getan. Die restlichen Minuten vergingen wie im Flug. Doch liess mich der Gedanke nicht los: Vergeht die Zeit nicht immer gleich schnell? Kann ich kleiner Jakob wirklich dir Zeit beeinflussen? Ist es möglich, dass die Zeit langsamer vergeht nur weil ich auf die Uhr starre?
So beinflusste ich die Zeit
Erst sehr viel später begriff ich, dass es 2 Zeitarten gibt. Die absolute und die gefühlte Zeit. Doch bis es so weit war hatte ich schon viele Taktiken entwickelt wie ich mir die Zeitbeeinflussung zu nutze machen konnte. Hatte mich mein Bruder geärgert und wartete auf einen Freund fing ich an die Uhr anzustarren, weil so mein Bruder ja viel länger warten musste. Hatte ich vergessen für eine Schul-Klausur zu lernen und mir bleib nur noch wenig Zeit, schaute ich während dem Lernens immer wieder auf die Uhr. Denn so stellte ich sicher, dass ich ja genug Zeit zum Lernen hatte. Und konnte ich etwas nicht abwarten, beispielsweise die Bescherung an Weihnachten, fing ich an zu lesen oder ging schlafen. Denn am allerschnellsten vergeht die Zeit beim Schlafen.
Die Ernüchterung mit 13
Als ich älter wurde und langsam begriff, dass für jeden eine eigene Uhr tickt war ich zunächst maßlos enttäuscht. Sollte das etwa heissen ich hatte gar nicht meinen Bruder sondern nur mich selbst geärgert? Schon möglich, allerdings hatte ich auch viel gelernt. Mir war beispielsweise nie langweilig in der Schule. Nicht weil ich das alles so super interessant fand, sondern weil ich begriffen hatte wie unsre innere Uhr tickt. Ich war in der Lage meine innere Uhr so zu steuern, dass auch langweilige Stunden wie im Flug vergingen. Zudem verwandelte ich mir von einem sehr ungeldudigem zu einem still wartendem Kind, sehr zur Freude meiner Eltern. Und auch heute noch verhilft mir mein Wissen über so manch langweilige Stunde hinweg.
Die absolute Uhr ist erbamungslos
Tick tick tick tick tick. In jeder Minute 60 mal. Das gilt für jeden Menschen. Oder? Nicht ganz! Eine Sekunde ist eine Sekunde ist eine Sekunde. Daran kann niemand etwas ändern. Doch geht für jeden der sich auf das tick tick tick seiner Uhr konzentiert die Zeit erbarmunglos langsam vorbei. Für jemanden der was tut was er tun möchte, sich mit einem anderem Menschen unterhält oder einfach ein Buch liest und kein ticken hört vergehen die Sekunden wie im Flug. Ich möchte ihnen im folgenden erklären warum das so ist.
Das Geheimnis der inneren Uhr
Unsere gefühlte Zeit berechnet sich aus der Anzahl der aktiven neuen Eindrücke die wir wahrnehmen. Je nach Lebensstil und Erfahrungen können das unterschiedlich viele pro Minute sein. Doch ist das genau die Art wie unser Gehirn Zeit misst. Ein Pendeluhr misst die Zeit indem es die Anzahl der Schwingungen des Pendels zählt. Das Gehirn misst die Zeit indem es die Anzahl der Eindrücke zählt. Was natürlich nicht bedeutet, dass wir dann nicht wissen, dass 90 Minuten vergangen sind, weil es uns wie 15 vorkamen. Keinesfalls. Hier spielt der Erfahrungschatz des Menschen eine grosse Rolle. Ein Kind, dass das erste mal im Kino sitz wird denken der Film hätte wirklich nur 15 Minuten gedauert. Wundert sich beim Verlassen des Kinos das draussen schon dunkel ist und hat etwas dazu gelernt. Das nächtse mal weiß es, dass 90 Minuten vergangen sind auch wenn es ihm kürzer vorkam.
Haben sie dieses Prinzip erst einmal verstanden werden sie sehr viele Alltagserfahrungen in einem neuen Licht sehen.
- Starren sie beispielsweise jetzt an die Wand ihres Zimmers. So lange sie es aushalten. Anschliessend schauen sie auf die Uhr wieviel Zeit vergangen ist. Ohne Frage nur wenige Sekunde, obwohl es ihnen quälend lang vorkam. Die Wand bietet keine neuen Eindrücke. Deswegen vergeht die innere Zeit so gut wie nicht wenn sie auf die Wand starren.
- Starren sie nun auf die selbe Wand und überlegen sie sich was sie heute zum Abendessen essen werden. Anschliessend schauen sie wieder auf die Uhr. Die Zeit ist schneller vergangen als zuvor. Also auch Gedanken zählen als Eindrücke.
Das Beispiel ätzender Schultag
Deswegen gehen viele Menschen lieber in der Natur als im Fitness-Center joggen. Im Fitnesscenter auf dem Laufband gibt es nicht annährend so viele neue Eindrücke wie im Park oder auf der Strasse.
Dieses Prinzip erklärt auch warum ein Schultag so ätzend lang sein kann. Interessiert man sich nicht für das was der Lehrer zu sagen hat und starrt nur aus dem Fenster bekommt man wenige neue Eindrücke. Die Zeit vergeht gefühlt quälend langsam.
An diesem Beispiel möchte ich ihnen erklären wie sie sich das Wissen über ihre innere Uhr zu Nutze machen können. Natürlich ist diese Methode unbegrenzt übertragbar und es gäbe noch viele weitere Beispiele ( Beispielsweise beim Schlangestehen im Supermarkt oder beim warten auf den Bus). Doch ich denke die Langeweile in der Schule ist eine Erfahrung die jeder Deutsche schon -wahrscheinlich mehrmals- gemacht hat.
Um die langweilige Schulstunde zu beschleunigen macht der Schüler in seiner Not genau das Falsche. Beim aus dem Fenster starren gibt es nur sehr wenige neue Eindrücke. Höchstens mal ein Vogel der vorbeifliegt. Und aussreichend weggträumen trauen und schaffen nur die wenigstens Schüler. Irgendwie ein bischen dem Lehrer zuhören muss man ja doch. Es könnte ja sein, dass es den eigenen Namen aufruft und sollte man da nicht bereit sein, könnte das fatale Folgen auf die Note haben. Der Schüler starrt also aus dem Fenster und hört mit halben Ohr der Stimme des Lehrers zu. Die Zeit vergeht quälend langsam, denn passive Eindrücke (die Stimme des Lehrers) zählen nicht. Was der Schüler braucht sind viele Eindrücke die seine innere Uhr beschleunigen.
Die Lösung
Die Lösung ist genauso banal wie genial. Gaukeln sie sich selbst Interesse vor. Tun sie so als wären sie interessiert an dem was der Lehrer sagt. Machen sie sich Notizen und hören sie aufmerksam zu. Konzentrieren sie sich nicht auf die Stimme sondern darauf was er sagt. Versuchen sie seinen Gedankengängen zu folgen. Ebefalls beschleunigend wirkt es sich aus wenn keine Uhr in Blickweite ist. Sie brauchen nicht wirklich an dem interessiert sein was ihr Lehrer sagt. Das meiste ist so unwichtig, dass sie es sofort wieder vergessen könne. Doch es geht darum möglichst viele Eindrücke zu sammeln. Weniger streberhaft können sie auch anfangen beispielsweise Listen über alles Mögliche zu führen. Sei es schriftlich oder im Kopf. Bemerken sie wieviele Ihrer Mitschüler Jeans tragen und welche Farbe diese haben. Konzentrieren sie sich hierauf aktiv. Jede entdeckte Jeans stellt einen neuen aktiven Eindruck dar. Sollten sie die Listen schriftlich festhalten, sichert dies ihnen einige extra Eindrücke.
Das selbe gilt für jede Lebenssituation in der die Zeit scheinbar nicht zu vergehen scheint. Werden sie kreativ. Überlegen sie sich Möglichkeiten an viele neue aktive Eindrücke zu kommen und die Zeit wird rasend schnell vergehen.
PS: Was ist denn eigentlich mit dem Schlaf? Ich hab weiter vorne gesagt die Zeit vergeht nie so schnell wie im Schlaf. Der Schlaf ist das absolute Optimum. Aber wieso? Während des Schlafens bekommen wir doch keine neuen Eindrücke? Oder? Ganz im Gegenteil. Viele Eindrücke des Tages werden nachts erst verarbeitet. Tagsüber werden nur die Eindrücke zugelassen die jetzt unbedingt essentiell sind. Alle anderen werden ausgefiltert, aber nicht gelöscht. Dieser ganze Berg aus Eindrücken wird während des Schlafens verarbeitet. Und deswegen vergeht die Zeit während des Schlafens wie im Flug.

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Guter Artikel! Sehr aufschlussreich, informativ und wirklich gut zu lesen, vor allem wenn man sich selbst gerade mit dem Thematik der Gefühlten Zeit auseinander setzt.
Ich bräuchte für einen Radiobeitrag einen Kommentar zur Erklärung der inneren Uhr. Dieses Projekt ist für mein Studium. Ich wollte fragen ob es möglich wäre Kontakt für ein Interview auf zu nehmen?
MfG
Danke – ich werde diese Methoden morgen mal in der Schule anwenden!
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